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MahlZeit Broschüre brochure Artikel articolo 6

Gegangen und wieder zurückgekehrt.

Zwei persönliche Sichtweisen... Eine Bergbäuerin und ein Bergbauer aus dem Vinschgau/Südtirol

von www.lechtlhof.it

 
Wieso entscheiden sich Menschen aus dem ländlichen Raum, in eine größere Ortschaft, in eine Stadt oder gar ins Ausland abzuwandern? Und wieso haben wir uns für die Peripherie entschieden? Als wir gefragt wurden, einen Beitrag darüber zu schreiben, was uns persönlich dazu bewogen hat am Land, in der Peripherie zu leben, haben wir spontan zugesagt. Als es dann aber an das konkrete Schreiben ging, wurde es schon etwas schwieriger. Hatten wir uns bewusst für das Leben am Land entschieden oder hatte es sich nicht einfach so ergeben? Für diesen Beitrag sollten wir nun also nach dem „Warum“ fragen.

Zunächst stellten wir uns die Frage, wieso andere Menschen das Gebiet, in dem wir leben als „Peripherie“ bezeichnen und was mit diesem Begriff überhaupt gemeint ist? Laut Duden versteht man unter „peripher“ etwas, das „am Rande befindlich“ ist. Peripherie bedeutet daher auch „Rand“ oder „Randgebiet“. Mit Peripherie kann also sowohl ein Stadtrand gemeint sein als auch eine Ortschaft bzw. ein Gebiet, das mehrere 100 km von einem Ballungszentrum entfernt liegt. Tatsächlich bezeichnen wohl viele den Ort an dem wir leben in mehrfacher Hinsicht als peripher. Wir leben auf einem Bergbauernhof, in einem kleinen Weiler, 7 km vom Ortszentrum unserer Wohngemeinde entfernt. Die Wohngemeinde befindet sich 60 km von der nächsten größeren Stadt, diese ist mit dem Auto ausschließlich über eine Landstraße erreichbar. [Die nächste größere Stadt hat circa 40.000 EinwohnerInnen. Man benötigt von unserem Wohnhaus aus mit dem Auto circa 1 Stunde und 15 Minuten, um dorthin zu gelangen. Allerdings variiert die Fahrzeit mit dem Auto je nach Verkehrsaufkommen erheblich. Mit dem Zug fährt man 1 Stunde und 30 Minuten (Anfahrtszeit mit dem Auto von unserem Wohnhaus bis zum 7 km entfernten Bahnhof miteingerechnet)]. Die Landeshauptstadt (mit den vielfältigsten Jobmöglichkeiten) liegt 90 km von unserem Wohnort entfernt. [Die Fahrdauer von unserem Bauernhof bis in das Zentrum der Landeshauptstadt beträgt mit dem Auto circa 1 Stunde und 40 Minuten. Auch hier variiert die Fahrzeit mit dem Auto je nach Verkehrsaufkommen stark. Die Fahrdauer mit dem Zug von unserem Wohnhaus bis in die Landeshauptstadt beträgt 2 Stunden und 15 Minuten. Derzeit gibt es keine direkte Zugverbindung in die Landeshauptstadt, sodass man auf der Fahrt dorthin einmal umsteigen muss.]

Rein geografisch gesehen liegt unsere Wohngemeinde in unmittelbarer Nähe von zwei verschiedenen Staaten. Eine Staatsgrenze liegt 17 km entfernt (25 Minuten Fahrzeit mit dem Auto), die zweite Staatsgrenze 30 km (36 Minuten Fahrzeit mit dem Auto). Diese spezielle geografische Lage kann einerseits eine Chance sein, z.B. sind die Löhne in beiden angrenzenden Staaten höher. Andererseits handelt es sich auch bei den Tälern jenseits der Staatsgrenzen um abgelegene, teils benachteiligte und damit abwanderungsgefährdete Gebiete.
Liest man sich diese Beschreibungen durch, so überkommt einem das Gefühl, dass man im Vergleich zu anderen Wohnorten und Bezirken in unserer Provinz tatsächlich abgelegen ist. Aber wie so oft kommt es auch auf den Blickwinkel an. Für die Einheimischen mag der Ort, an dem wir leben, eine benachteiligte Peripherie sein, für viele UrlauberInnen ein traumhaft gelegener Platz, den man nur schweren Herzens verlässt.

Bevor wir konkret auf die Vor- und Nachteile unseres „Landlebens“ zu sprechen kommen, möchten wir uns nun aber kurz vorstellen.

Meine Frau A. ist auf einem Bauernhof mit Apfel- und Weinanbau aufgewachsen, der in wenigen Kilometern Entfernung zu zwei Städten liegt. Nach dem Abschluss des fünfjährigen Diplomstudiums der Landwirtschaft an einer ausländischen Universität, arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität. 2009 schloss sie ihr Doktoratsstudium im Ausland ab. Danach war sie sowohl im benachbarten Ausland als auch im Inland mehrere Jahre in der Landesverwaltung berufstätig. Im Zuge dessen wurde ihr als nationale Expertin auch eine mehrmonatige Mitarbeit in der Europäischen Kommission ermöglicht. Seit 2015 lebt und bewirtschaftet sie mit mir und unseren beiden Kindern einen Bergbauernhof. Am Hof werden derzeit Schafe zur Fleisch- und Milchproduktion gehalten, Gemüse angebaut und Urlaub auf dem Bauernhof angeboten. Neben der Familien- und Hausarbeit fallen die Vermietung und die gesamte Büroarbeit des Betriebs in die Zuständigkeit von A..

Mein Mann G. ist auf unserem Bergbauernhof aufgewachsen und hat diesen von seinem Vater geerbt. Nach Abschluss der Mittelschule arbeitete er auf dem elterlichen Milchkuhbetrieb mit. Aufgrund des fortgeschrittenen Alters seines Vaters konnte er nach der Pflichtschule keine weiterführende Schule mehr besuchen. Bereits mit 21 Jahren übernahm er den Bergbauernhof, der erst 1998 eine PKW-taugliche Hofzufahrt erhielt. Die dringend notwendige Modernisierung des veralteten Bergbauernhofes mit baufälligen Gebäuden und die immer weniger werdenden Arbeitskräfte erforderten große betriebliche Investitionen. Um diese finanzieren zu können ging er über mehrere Jahre für einige Monate einer Beschäftigung im Ausland, auch außerhalb Europas, nach. Dort war er als Holzfäller und im Seilbahnbau tätig. Die längeren Auslandsaufenthalte machten es notwendig, den landwirtschaftlichen Betrieb neu zu strukturieren und von der Milchkuhhaltung auf die weniger intensive Schafhaltung umzustellen. Erfahrungen im Ausland beeinflussten G. seinen Betrieb Anfang der 2000er auf die biologische Bewirtschaftung umzustellen und diesen überwiegend mit den Ressourcen, die ihm auf seinem Hof zur Verfügung stehen, zu bewirtschaften (indem er z.B. keine großen Futterzukäufe mehr tätigte). In weiterer Folge befasste er sich mit neuen Einkommensmöglichkeiten wie z.B. dem biologischen Gemüseanbau und richtete zwei Ferienwohnungen ein. Während der Wintermonate arbeitet er derzeit noch als Holzfäller bei einer lokalen Firma. Sein langfristiges Ziel war und ist es, den Bauernhof so aufzustellen, dass er mit seiner Familie ausschließlich von dem am Hof erwirtschafteten Einkommen leben kann.

Nun aber zurück zu der Frage, was uns dazu bewegt, dort in der „Peripherie“ zu leben, in der manch einer vielleicht seinen Urlaub, aber nicht unbedingt sein ganzes Leben verbringen möchte.

Landschaft. Während wir den Artikel schreiben, schweift unser Blick immer wieder aus dem Fenster ins Tal. Wir sind es nicht mehr gewohnt still zu sitzen. Meistens laufen wir irgendwo im Haus, Garten oder am Hof herum, um eine der vielen Arbeiten zu erledigen. Viele mögen jetzt lachen, aber der herrliche Blick aus dem Fenster ist mit ein Grund, wieso wir den Ort an dem wir leben, als lebenswert empfinden. Wir haben das Glück, in einer landschaftlich sehr schönen Gegend zu leben. Wir blicken auf grüne Wiesen im Tal, auf größere und kleinere Dörfer und viele imposante Berggipfel. Erst vor kurzem hat uns ein Gast gefragt, ob man die herrliche Aussicht überhaupt noch zu schätzen weiß, wenn man so ein Panorama Tag für Tag genießen kann.

Natur und gesunde Umwelt. Mit zwei kleinen Kindern wird einem erst wirklich bewusst, wie wichtig die Natur bzw. eine gesunde Umwelt ist. Unser älterer Sohn liebt es stundenlang im Freien herumzulaufen. Schon von klein auf lief er die steilen Wiesen mit unserem Hund auf und ab. Viele Gäste machten uns darauf aufmerksam, wie geschickt er sich dabei mit seinen nicht einmal zwei Jahren anstellte. Bis heute war und ist die Natur sein bevorzugtes „Spielzimmer“. Da an unserem Hof keine Straße vorbei führt, können sich unsere Kinder – fast so wie in vergangenen Zeiten – sehr frei und selbstständig bewegen. Die viele Bewegung im freien Gelände ermöglicht es ihnen, sich spielerisch motorische Fähigkeiten anzueignen und sich damit auch physisch und psychisch gesund zu entwickeln. Wir betrachten es als einen Glücksfall, dass unser Wohnhaus inmitten von Wald und Wiesen, fernab vom Straßenverkehr und vielen anderen Lärm- und Schadstoffquellen liegt.

Frische, gesunde und qualitativ hochwertige Lebensmittel. Da wir selber einen Bauernhof bewirtschaften, haben wir die Möglichkeit, einen Teil unserer Lebensmittel selbst herzustellen. So produzieren wir verschiedenstes Gemüse, Eier und Lammfleisch. Wir sehen das als einen sehr großen Vorteil im Vergleich zu Menschen, die diese Möglichkeit nicht haben. Was wir an unserer Wohnregion ganz besonders schätzen, ist, dass wir aufgrund der vielfältigen landwirtschaftlichen Betriebe eine Vielzahl an verschiedenen frischen Lebensmitteln im Umkreis von wenigen Kilometern Entfernung direkt von anderen Bauern und Bäuerinnen kaufen können: frische Kuhmilch, verschiedene Getreidearten wie Roggen, Dinkel, Hafer oder Weizen, Rindfleisch von artgerecht gehaltenen und stressfrei geschlachteten Tieren, Speck von Schweinen, die vom Bauern selbst gehalten worden sind, schmackhafter Rohmilchkäse von kleinen Hofkäsereien oder Alpsennereien, Alpbutter, Äpfel, Palabirnen, etc. Alle diese Produkte können wir direkt Ab-Hof kaufen. Für viele Menschen, die in Ballungszentren leben, sind solche frischen, qualitativ hochwertigen Lebensmittel oft gar nicht erhältlich und wenn doch, dann oft nur zu völlig überteuerten Preisen, die sich viele Familien nicht leisten können. Im Zeitalter von Lebensmittelskandalen gewinnt das Wissen um die Herkunft der selbst verzehrten Produkte zudem an Bedeutung.
Allerdings ist uns sehr wohl bewusst, dass sich die klein strukturierte Landwirtschaft Südtirols wie auch andernorts im Wandel befindet. Die Zahl der Bauernhöfe hat in den letzten Jahrzehnten auch in unserem Tal drastisch abgenommen, während einige wenige landwirtschaftliche Betriebe wachsen und sich spezialisieren (müssen). Damit einher geht ein massiver Verlust an Wissen, wie (lokaltypische) Lebensmittel produziert und verarbeitet werden.

Familie und soziales Umfeld. Als alleinstehender Bergbauer ohne Familie hatte sich G. überlegt ins benachbarte Ausland auszuwandern oder dort eine fixe Arbeit anzunehmen und nur mehr an den Wochenenden in den Vinschgau zum elterlichen Hof zu pendeln. Rein finanziell gesehen wäre dies viel einträglicher gewesen, als in den elterlichen Bergbauernhof zu investieren und diesen zu bewirtschaften. Langfristig hätte dieser Schritt vermutlich auch die Aufgabe des Bergbauernhofes mit sich gebracht, da beide Tätigkeiten aus zeitlichen Gründen nicht miteinander vereinbar gewesen wären. Die Gründung einer Familie hielt ihn letztendlich davon ab, diesen Schritt in die Tat umzusetzen. Er war der Meinung, dass der Ort, an dem er selbst eine schöne Kindheit verbracht hatte, auch für seine Kinder der beste Ort sein würde, um aufzuwachsen, auch aus den bisher genannten positiven Aspekten.
Für viele bedeutet das Verlassen des ländlichen Raumes auch, die Eltern bzw. die Familie, Freunde und Bekannte zurück zu lassen und sich anderswo ein neues soziales Netzwerk aufzubauen. Jeder muss wohl für sich selbst entscheiden, inwieweit dies einen Einfluss darauf hat zu gehen oder doch lieber zu bleiben.
Auch das soziale Umfeld trägt maßgeblich dazu bei, ob man sich an einem (neuen) Ort wohl fühlt oder nicht. Obwohl A. eine „Zugezogene“ war und von einer 70 km entfernten Ortschaft stammt, hatte sie von Anfang an das Gefühl in ihrer neuen Umgebung willkommen zu sein und respektiert zu werden. Alsbald wurde sie gefragt, ob sie Interesse hätte, sich bei einem Verein einzuschreiben. Aufgrund ihrer Ausbildung und beruflichen Tätigkeiten hatte sie bisher an verschiedenen Orten gelebt, teils in der Stadt, teils in Stadtnähe. Im Vergleich dazu findet sie, dass sie in ihrer jetzigen Wohngemeinde schneller soziale Kontakte knüpfen konnte, als an ihren bisherigen Wohnorten. Ob dies mit der peripheren Lage zu tun hat? A. vermutet, dass dies auch mit dem bäuerlich-ländlich geprägten Charakter der Gegend zusammenhängt.

Berufliches Angebot und Einkommenshöhe. Diese beiden Aspekte stellen wohl die größten Handicaps peripherer Regionen dar. Mit zunehmender Entfernung zu den Ballungszentren nimmt nicht nur die Zahl der (hoch qualifizierten) Arbeitsplätze, sondern auch die Vielfalt an Arbeitsplätzen, ab. Für A. war es aufgrund der großen Entfernung ihres jetzigen Wohnortes zu ihrem letzten Arbeitsplatz nicht mehr möglich, dieser Arbeit nach ihrem Umzug weiterhin nachzugehen. Für sie als Akademikerin wären die Vielfalt und Auswahl an Berufsmöglichkeiten in einer Stadt mit Sicherheit größer. Diese Tatsache musste sie in Kauf nehmen, als sie sich dafür entschieden hat, an ihren jetzigen Wohnort zu ziehen. Andererseits stellt sie fest, dass sie sehr Vieles von dem, was sie bisher gelernt hat, sei es beim Studium als auch im Zuge ihrer beruflichen Tätigkeiten, nun bei der Führung des landwirtschaftlichen Betriebes gebrauchen kann. So sind ihr ihre Computerkenntnisse bei der Nutzung von Onlinediensten für den Betrieb, bei der Aktualisierung der Homepage oder der Bearbeitung von Gästeanfragen ebenso von großem Nutzen wie ihre betriebswirtschaftlichen Kenntnisse und ihre landwirtschaftliche Fachausbildung.
Mit ihrer Entscheidung auf das Land zu ziehen hat A. sicherlich auf einige gut bezahlte und interessante Jobmöglichkeiten in der Stadt verzichtet. Gleichzeitig hat sie dadurch aber auch an Lebensqualität gewonnen, die in diesem Maße in der Stadt nicht gegeben gewesen wäre und nun vor allem auch ihren Kindern zugutekommt.
Wir sind der Meinung, dass es unumgänglich ist, eine gewisse Vielfalt an Jobmöglichkeiten anzubieten, um der Abwanderung vorzubeugen und auch um gut ausgebildete Menschen im ländlichen Raum zu halten. Als Anbieter von hochqualifizierten Jobs kommt der öffentlichen Verwaltung und den Schulen im ländlichen Raum derzeit wohl die wichtigste Rolle zu. Inwieweit die viel zitierte, derzeit aber zu wenig praktizierte Telearbeit eine Möglichkeit darstellt, Jobs – auch von größeren Unternehmen – in den ländlichen Raum zu transferieren, können wir nicht beurteilen. Vielleicht böte diese aber eine Möglichkeit, um mehr Menschen aus den Zentren in peripherere Gebiete zu „locken“.
Aufgrund der Nähe unserer Wohnregion zu zwei Staatsgrenzen, die im Verhältnis höhere Löhne bezahlen, lässt sich feststellen, dass viele qualifizierte Berufstätige aus unserer Gegend täglich oder wöchentlich dorthin pendeln. Einige wandern auch ganz in eines der Nachbarländer aus. Einerseits wird das dort von den PendlerInnen verdiente Geld meist in unsere Wohnregion investiert, andererseits fehlt die Arbeits- und Innovationskraft dieser Menschen bei uns vor Ort. Vermutlich würden aber noch viel mehr Menschen wegen mangelnder Jobmöglichkeiten und niedriger Löhne aus dem Vinschgau abwandern, würden sie nicht im nahe gelegenen Ausland Arbeit finden.
Im Fall von G. hat sich gezeigt, dass bei der Einkommensbeschaffung im ländlichen Raum oftmals auch Eigeninitiative und Kreativität gefragt sind. Da das landwirtschaftliche Einkommen aufgrund der Kleinstrukturiertheit und der erschwerten Bewirtschaftung nicht ausreichte, um ausschließlich davon leben zu können, machte er sich auf die Suche nach neuen Einkommensmöglichkeiten. Keine neue Idee, aber trotzdem sinnvoll und praktikabel, wäre die gezielte Unterstützung von kreativen Köpfen mit Eigeninitiative, die ihr Unternehmen ganz bewusst am Land gründen wollen und dort für sich und vielleicht auch für andere Menschen neue Arbeitsplätze schaffen. Diese Unterstützung könnte finanzieller Natur in Form eines Startkapitals sein, aber auch Hilfestellung bei der Erstellung eines Business-Planes bieten.

Infrastruktur, Dienstleistungen, Erreichbarkeit. Ohne Investitionen in den ländlichen Raum geht es nicht. Ein gewisses Mindestmaß an Infrastruktur wie etwa Straßen, Zugang zu (schnellem) Internet, Schulen, Verwaltungseinrichtungen, Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln und ein Mindestmaß an ausreichender ärztlicher Versorgung sowie Dienstleistungsangeboten wie z.B. der Postzustellung sind notwendig, damit sich Menschen auch in Zukunft dafür entscheiden, am Land zu leben. Nur so kann garantiert werden, dass genügend Menschen in den ländlichen Gemeinden bleiben und diese im wahrsten Sinn des Wortes „am Leben“ erhalten.
Ein großes Handicap stellt für periphere Regionen und die am Land lebenden Menschen die zeitaufwändige und kostspielige Erreichbarkeit dar. Dies gilt umso mehr, wenn man auf einem Bergbauernhof, außerhalb des Dorfzentrums wohnt. Was wir an unserer Wohngemeinde daher besonders schätzen ist, dass bestimmte Dienste von auswärtigen Einrichtungen zumindest einmal wöchentlich an fixen Tagen in unserer Gemeinde bzw. in der nächstgrößeren Ortschaft im Tal angeboten werden. Dies erspart uns lange Amtswege in die Stadt. Vor allem als Eltern von zwei Kleinkindern stellt dies für uns eine massive Erleichterung dar.
Momentan sind wir mit der Infrastruktur in unserer Wohngemeinde sehr zufrieden. In Kürze wird z.B. die vor rund 35 Jahren errichtete Straße in unserem Weiler saniert. Aber natürlich machen wir uns auch Gedanken, ob die Infrastruktur und das Dienstleistungsangebot im ländlichen Raum auch in Zukunft so aufrechterhalten werden wird wie bisher!? Die derzeitigen Diskussionen und Probleme rund um die Postzustellung und den öffentlichen Transport von Kindern entlegener Höfe und Weiler in den Kindergarten lassen diesbezüglich auch Zweifel in uns aufkommen.

In der nachfolgenden Tabelle möchten wir nun noch einmal jene Aspekte zusammenfassen, die bei unserer Entscheidung, am Land zu leben, zum Tragen gekommen sind und die wir in ihrer Bedeutung für uns abgewogen haben:

Aspekte -> Unsere persönliche Bewertung
Landschaft -> +++
Natur und gesunde Umwelt -> ++++
Frische, gesunde und qualitativ hochwertige Lebensmittel -> ++++
Familie und soziales Umfeld -> ++++
Berufliches Angebot und Einkommenshöhe -> ++
Infrastruktur, Dienstleistungen, Erreichbarkeit -> ++

Die Zusammenstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sie gibt unsere persönlichen, subjektiven Sichtweisen wieder. Es gäbe sicherlich noch viel mehr Aspekte, wie z.B. „Freizeitangebote“, „Angebote für Jugendliche“, etc., die für den einen oder die andere in ihrer Entscheidung für oder gegen ein Leben am Land von Bedeutung sind. Es ist eine Mischung aus „materiellen“ und „sozialen“ Aspekten, die für uns eine wichtige Rolle gespielt haben und immer noch spielen.

Während wir diesen Beitrag (mit Kindergeschrei im Hintergrund) schreiben, werden uns mehrere Dinge eindrücklich bewusst:

Begriffe wie „Zentrum“ oder „Peripherie“ sind relativ. So mögen wir für einige SüdtirolerInnen wohl in der Peripherie leben, aber für manch einen unserer Gäste aus Rom, Berlin oder Brüssel liegt auch die Landeshauptstadt Bozen bzw. Südtirol in der Peripherie. Es kommt also auf den jeweiligen Blickwinkel bzw. die Position des Betrachters und der Betrachterin an.
Schlussendlich hängt es von der persönlichen Werthaltung und den Bedürfnissen eines jeden Menschen ab, ob und nach welchen Kriterien er oder sie die Entscheidung trifft, zu gehen oder doch lieber am Land zu bleiben bzw. nach der Ausbildung dorthin zurück zu kehren. Nicht zu unterschätzen sind dabei die Werte, die jungen Menschen in unserer heutigen (Leistungs-)Gesellschaft vermittelt werden. A. als eingeheiratete Akademikerin, hat aufgehört zu zählen, wie oft sie von Einheimischen und Gästen schon gefragt wurde, wie sie denn mit dem Leben auf einem abgelegenen Bergbauernhof zurechtkomme. Dazu können wir nur sagen, dass wir bisher nie das Gefühl hatten, im Vergleich zu StadtbewohnerInnen (und viele unserer Gäste kommen aus der Stadt) ein benachteiligtes Leben zu führen. Wie so vieles andere hat auch das Leben am Land seine Vor- und Nachteile.

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