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MahlZeit Broschüre brochure Artikel articolo 2

Afrika.

Der vergessene Kontinent - Neu entdeckt?

von Mag. Gudrun Hagen

 

Afrika – seit Jahrzehnten gebrandmarkt als Hort von Hunger, Armut, Krankheit, Krieg, Korruption, Kriminalität – rückt seit einigen Jahren ganz anders ins Rampenlicht. Dieser Beitrag soll den Blick auf die Vielfalt der Perspektiven und Realitäten in Subsahara-Afrika fokussieren.

Der Afrika-Boom

Schon 2012 schrieb „Der Spiegel“: „Die Wirtschaft südlich der Sahara boomt.“ 2015 brachten A. und F. Sieren das Buch heraus: „Der Afrika-Boom, die große Überraschung des 21. Jahrhunderts“. „Afrika ist fast so groß wie der Mond. Die Fläche des Kontinents ist größer als die der USA, Chinas, Indiens, Japans und Europas zusammen.“ Sie betonen, dass fast ein Drittel der 1,2 Milliarden Menschen Afrikas zu einer konsumfreudigen Mittelschicht zähle, was dem Kontinent als Absatzmarkt und Handelspartner eine neue Bedeutung verleihe. Dazu komme, dass 6 von 10 der am schnellsten wachsenden Ökonomien der Welt in Afrika liegen mit einem Wirtschaftswachstum von über 6% und sogar 2-stelligen Raten.
Die Rede ist von jenen Staaten, die über die wichtigsten Rohstoffe der Welt verfügen: Öl, Gold, Diamanten, Coltan, Platin, Uran, Eisenerz, Kobalt, Nickel, Kupfer. Doch die Gewinne konzentrieren sich vielfach noch immer in wenigen Taschen einer superreichen Elite, die ihre Vermögen im Ausland parkt, statt diese im eigenen Staat zu investieren. Sie könnte die Wirtschaft durch Investition in produzierende Unternehmen diversiver und weniger abhängig von Weltmarktpreisen für Rohstoffe und den entsprechenden Manipulationen machen.
Neben Indien, Japan, Korea und Brasilien war es vor allem China, das durch seinen enormen Rohstoffbedarf Afrikas postkoloniale Abhängigkeiten von Europa beendete. Allein die 20 Jahre chinesischer Investitionen in Afrika haben dem Kontinent mehr geholfen als ein halbes Jahrhundert westlicher Entwicklungshilfe, konstatieren Sieren & Sieren. Wenngleich China eigene Interessen verfolgt, schätzt Afrika dessen Bemühen um partnerschaftliche Kommunikation statt des westlichen Hochmuts.
Chinesische Investments und Initiativen beim Ausbau von Infrastrukturen wie Verkehrsnetzen und Energieversorgung schafften mitlerweile auch hochwertige Arbeitsplätze für afrikanische Techniker, Manager usw.

„Die Party ist vorbei“

titelten A. und S. Brocza in „International“ I/2016. Wirtschaftliche Schwierigkeiten in China bremsen die Nachfrage nach Rohstoffen, sodass afrikanische Minen und Bergwerke schließen müssen. Wer sich auf den Ölexport verließ, statt sich um eine breitere Wirtschaft mit produzierenden Unternehmen zu bemühen, bezahlt diese Abhängigkeit angesichts des Öl-Preisverfalls mit einer gefährlichen Stagnation. Hunderttausende verlieren ihre Arbeitsplätze.

Die Berücksichtigung von Umwelt- und Sozialstandarts ist in Afrika noch immer marginal. Bekannt wurden uns die Umweltschäden im Nigerdelta auch durch den nigerianischen Literatur-Nobelpreisträger Wole Soyinka, der über die Hinrichtung des Schriftstellers und Menschenrechtlers Ken Saro-Wiwa (Alternativer Nobelpreis) berichtete.

Die Mehrheitsbevölkerung Afrikas feierte nie Party:
etwa die Kinder und Jugendlichen, die in den Coltan-Minen des Kongo wie Sklaven schuften, oder in den Kakao-Plantagen an der Elfenbeinküste. 50% des deutschen Kakaos kommen von da. Jedes Handy braucht Coltan. Die Hälfte der afrikanischen Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Mit weniger als 2 U$ pro Tag haben sie kaum Zugang zu Gesundheitsversorgung und Schulbildung. Über 200 Millionen Menschen hungern – durch Klimawandel, Misswirtschaft, Krieg ...
500.000 Menschen sterben in Afrika jährlich an Malaria. Noch mehr Menschen als an Malaria, HIV/Aids und Tuberkulose zusammen, sterben jährlich an den Folgen von Unterernährung, vor allem Kinder unter 5 Jahren.

Bauern enteignet / Küsten leer gefischt

Die Landwirtschaftsflächen im Sudan „könnten“ die gesamte Weltbevölkerung ernähren, sagt der Schweizer Soziologe und UNO-Beauftragte Jean Ziegler.
Wenn allerdings das exportorientierte Land Grabbing („Brandbeschleuniger für Flüchtlingsströme“ nennt es die Solidarwerkstatt) weiter voran schreitet, bei dem die Landbevölkerung durch skrupellose Investoren enteignet wird, werden die vertriebenen Bauern verhungern. Doch diese sind es kaum, die den Weg nach Europa schaffen. Auch nicht jene, deren Ernten aufgrund des Klimawandels nicht mehr zum Überleben reichen. Aber die Fischer, deren Boote leer bleiben, seit internationale Fischfangflotten (auch mit EU-Subventionen!) viele Küsten leergefischt haben, sie schaffen den Weg nach Europa, dank ihrer Schiffe. Allerdings kommt nur die Hälfte jemals an. Wie groß muss die Verzweiflung sein, dass dieser Ausweg bei so wenig Überlebenschance riskiert wird?

Ein Marshallplan für Afrika?

Es klingt schon an, weshalb das europäische Interesse an Afrika erwacht ist: es ist die Angst vor den Flüchtenden. Europa diskutiert einen Marshallplan (nach dem 2.Weltkrieg amerikanische Aufbauhilfe: Geld, billige Kredite, Lebensmittel besonders für Österreich) für Afrika: ein Hilfspaket? Eine Fluchtursachen-Bekämpfung? Dazu lud die WKÖ im September 2016 zu einem großen internationalen Forum ein. Deutschland will für Mittelständler Exporthilfe und Investitions-Kredite geben, sowie vor allem Ausfallshaftungen übernehmen. Österreich diskutiert Ähnliches. Es sollen win-win-Geschäftsbeziehungen zu Afrika aufgebaut werden. Aber die Gier nach maximalem Gewinn ist unübersehbar, wenn mir gesagt wird: „Investoren für Afrika? Finden Sie leicht, denn Afrika ist noch bereit 30% Zinsen zu bezahlen“.
Höchst fragwürdig sind Freihandelsabkommen mit Staaten, die ihrerseits nichts anzubieten haben, was die EU als Standard-gemäß definiert. So wurden durch den EU-subventionierten zollfreien Billigstimport von Hühnerteilen hunderte Betriebe in Ghana zerstört und tausende ArbeiterInnen auf die Straße gesetzt. Diese sind es, die in die EU flüchten und dann als Sklaven in Metzgereien Süditaliens enden.
Rohstoffe–Export darf nicht mehr vorrangige Einnahmequelle sein. Gefördert gehören Start ups, die Wissen und Daten nutzbar machen sowie verarbeitende Industrie. “We are dreaming of selling chocolate and textiles, not cocoa and cotton – Wertschöpfung ist der Schlüssel,” brachte es Sierra Leones next presidential candidate Kandeh Yumkella auf den Punkt, am 5. Sept. in der WKÖ.
Business & Development – ein interessanter Ansatz, und wichtig, auch für uns, aus vielfältigsten Gründen, nicht nur als Absatzmarkt und Fluchtverhinderungsstrategie.

Der neue Mittelstand, ein Gradmesser für Entwicklung

Afrika mit seinen 54 Staaten und hunderten Ethnien und Sprachen zeichnet sich aus durch eine große auch kulturelle und ökologische Vielfalt.
Afrikas Bevölkerung ist jung und voll Tatkraft. Ihre Zahl von 1,2 Mrd ist kein Grund zur Angst vor einer Bevölkerungsexplosion, - schon gar nicht, wenn man bedenkt, dass China allein über 1,3 Mrd. Einwohner hat, wie auch Indien.
Afrikanische Politiker sprechen stolz von „Bevölkerungspotenzial“ – auch angesichts der prognostizierten Verdoppelung bis 2050.
46 Millionenstädte gibt es in Afrika, auch bedingt durch die Landflucht. Diese hat viele Gesichter, nicht nur manuelle Ackerbaumethoden, ineffiziente Viehhaltung und Verödung durch den Klimawandel.
Doch die Hoffnung auf ein menschenwürdiges Überleben in Städten erfüllt sich oft nicht. Nicht einmal in den Slums finden alle ein Dach über dem Kopf. In vorindustriellen Städten gibt es nicht genug Arbeitsplätze für zumeist analphabetische Zuwanderer. Über 50% der Bevölkerung überleben am informellen Sektor, vielfach durch Verkauf am Straßenrand.
Ein Gradmesser für den Entwicklungsstand einer Gesellschaft ist ein kaufkräftiger Mittelstand, sichtbar am Bauboom, auch in nicht-Boom-Staaten, sowie an Anzahl und Zustand der PKWs. Vor 20 Jahren waren etwa in Dakar, der Hauptstadt Senegals, ganz im Westen Afrikas, noch kaum Privatautos zu sehen. Jetzt nimmt Dakar es diesbezüglich durchaus mit Südeuropa auf.
Der neue Mittelstand Afrikas kann sich professionelle Bildung für den Nachwuchs leisten und gibt Anlass zur Hoffnung auf demokratiepolitischen Fortschritt. Dieser wird sich Korruption, schwerfällige Bürokratie und diktatorische Gewaltherrschaft nicht mehr gefallen lassen. Er ist gut vernetzt und holt sich Informationen, die ihm seine Medien vorenthalten, aus dem Internet. Japan und China haben dafür gesorgt, dass auch entlegene Gebiete Afrikas per Handy erreichbar sind. Die Wachstumsrate an Mobiltelefonen in Afrika ist die größte weltweit. Fast jeder und auch jede besitzt eines. Und dank einer Erfindung in Kenia wird es auch zunehmend für Geldtransfer benutzt, denn Bankkonten sind rar. Noch vor 15 Jahren waren 90% der Frauen am Land Analphabetinnen, betrieben Tauschhandel und konnten Geld nicht zählen. Jetzt haben viele gelernt, ihr Handy zu bedienen.
Der skizzierte Aufschwung in Afrika darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass gut die Hälfte der afrikanischen Bevölkerung daran nicht teil hat. Sie leben in selbstgebauten Lehmhütten und schlafen auf einer selbst geflochtenen Strohmatte auf dem Lehmboden.

Gesundheitswesen und Bildung

Wo keine Gewinne zu erzielen sind, gibt es keine Investition und kaum Entwicklung.
Von Schulbildung sind immer noch fast 50% Kinder ausgeschlossen: kein Geld für Schulgeld, Hefte und Bücher, sowie Schuhe und eine Schuluniform. Ohne Geld kein Zugang zu Bildung!
Auch die Gesundheitsversorgung liegt im Argen: Die Ärzte sind gut ausgebildet, aber es gibt kaum welche, kaum Krankenhäuser, schlecht ausgestattet (abgesehen von jenen für die Upper Class). Ein Arzt auf 80.000 Einwohner etwa im Senegal, 200km weit keine Arztpraxis im Sudan sowie 1000 km weit kein Röntgengerät, kein Labor ...

Hier muss Entwicklungszusammenarbeit ansetzen. Hier hat sie versagt.

Kein Wunder, dass die Milleniumsziele (MDGs) von 2000 bis 2015 nicht erfüllt wurden: Schulbildung noch immer kaum für die Hälfte der AfrikanerInnen, Hunger nicht halbiert, Kindersterblichkeit noch immer 10%, Malaria-Tote kaum reduziert .... Nur ein kleiner Prozentsatz der Hilfsgelder war für Gesundheitswesen und Bildung gewidmet, und war zudem oft korrupten Beamtenapparaten ohne Kontrolle übergeben worden.
2016 wurden für die nächsten 15 Jahre 17 „Nachhaltige Entwicklungsziele“ (SDGs, sustainable development goals) formuliert. Sie sollen für alle Staaten der Erde gelten, teilen diese aber in eine 2-Klassen-Gesellschaft. Es ist die Rede vom „Guten Leben für alle“, doch dabei wird klar unterschieden, dass darunter selbstverständlich nicht für alle das gleiche gemeint ist. Eine entwicklungspolitische Sprecherin des österr. Nationalrats erläuterte: „Natürlich können nicht alle ein Auto haben wie wir, und auch keinen Kühlschrank ...“ Auch wo, wie und von wem diese Ziele umgesetzt werden sollen, bleibt diffus.
Unausgesprochen wird klar, dass neben Hilfsgeldern und NGO-Aktivitäten auch die Wirtschaft gebraucht wird. Diese verfolgt ihre eigenen Interessen, und sie funktioniert nur unter Grund-Voraussetzungen wie: Rechtssicherheit, ohne langwierige Bürokratie und ohne Korruption, Verkehrsnetze, gesicherte Energieversorgung, qualifiziertes Arbeitskräftepotenzial.

Bildung – der Ausweg aus Armut und Gewalt!

"Afrika braucht mindestens 2,5 Millionen Ingenieure, um die wichtigsten Aufgaben – von sauberem Wasser bis zum nachhaltigen Städtebau – zu lösen. Und noch mehr Lehrer, Ärzte und Agrarexperten", berichtete „Die Zeit“ im April 2016 vom „Next Einstein“- Forum in Dakar/Senegal.
Alle 10 Länder mit der höchsten Analphabetenrate weltweit liegen in Afrika. Das ist kein Zufall ! Das hat Geschichte: Ein Blick auf die Schulbesuchsraten 1960, am Ende der Kolonialherrschaft erklärt vieles – drei Beispiele:

  1. In Senegal besuchten 1960 nur 12% der Kinder eine Volksschule.
    Was Senegal mit 90% AnalphabetInnen von 1960 (und heute immer noch 60% AnalphabetInnen) inzwischen erreicht hat, ist äußerst bewundernswert und zeugt von vielfältigsten Potentialen!
  2. In Nordnigeria besuchten 1960 nur 0,3% der Kinder eine Volksschule! Welche Entwicklung ist bei 99% Analphabethen in 55 Jahren zu erwarten? Zumal der Staat seine Ölmilliarden anderweitig verstreut hat. Da braucht man sich über Boko Haram und den Terror, der Schulbildung als Teufelswerk verurteilt, nicht zu wundern!
  3. Das Vorenthalten der Schulbildung war auch im Südsudan koloniale Strategie. Noch heute sind 75% aller Erwachsenen Analphabeten, Frauen über 80% (dazu weltweit höchste Müttersterblichkeit). Die SPLA-Soldaten wurden meist als Kinder rekrutiert und haben jahrzehntelang nichts anderes gelernt als rauben, morden, vergewaltigen. Neokoloniale Machtinteressen tragen die Hauptschuld. Und jetzt scheint die Eigendynamik nicht mehr zu stoppen: Die gesamte Macht, Verwaltung und Ressourcenverteilung liegt in den Händen der Dinka (Ethnie des Präsidenten, 35% der Bevölkerung). Dagegen setzen sich die anderen zur Wehr. Der Südsudan, eine der fruchtbarsten Regionen Afrikas, wird seit Jahrzehnten durch Hilfsgelder ernährt. Die Ölmilliarden verschwinden in privaten Taschen, deponiert im Ausland.

Zusammenfassung:

Afrika, ein Kontinent der Gegensätze: Versklavt und ausgebeutet. Reich, und noch immer zu arm. Steinzeitliche Lebensformen neben Hightech. Trotz minimalster Voraussetzungen und vieler Versäumnisse machte Afrika in 55 Jahren enorme Entwicklungsschritte. Große Hoffnungen sind berechtigt, auch im Sinne Yumkellas: Ihr habt Angst vor einer Million AfrikanerInnen? Eine Milliarde werden kommen, als kaufkräftige Touristen und Geschäftsleute, wenn ihr uns nicht behindert (5.9.2017, WKÖ, Marshallplan-Forum) .

 

Die Autorin:

Mag. Gudrun Hagen widmet sich als Sozialhistorikerin interdisziplinär vergleichender Verhaltensforschung. Sie besucht seit 25 Jahren Subsahara-Afrika (9 Länder).
1995 gründete Gudrun Hagen den Verein Ekando Kumer und leitet Schulbildungsprojekte im Senegal und im Sudan, dazu Kampf gegen Genitalverstümmelung.
Sie würde sich freuen, wenn dein Beitrag dich zu aktiver Mithilfe motiviert:
IBAN: AT17 2040 4014 0044 2780 / BIC: SBGSAT2SXXX www.EKANDO-KUMER.at Questo indirizzo email è protetto dagli spambots. È necessario abilitare JavaScript per vederlo.

Maga Gudrun Hagen Interdisziplinäre vergleichende Verhaltensforschung – Afrika
Vorsitz, Management, Öffentlichkeitsarbeit, Geschäftsführung für
EKANDO KUMER E.g. Verein für Schulbildung, Frauen-Empowerment und Kampf gegen
Genitalverstümmelung. SENEGAL/SUDAN www.EKANDO-KUMER.at
5023 Salzburg, Pirolstrasse 25, *43 (0)662–66 09 08, Questo indirizzo email è protetto dagli spambots. È necessario abilitare JavaScript per vederlo.

 

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