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MahlZeit Broschüre brochure Artikel articolo 1

Nur die Böden bleiben

Weinbau in Kap Verde und Auswanderung

von Franz Egger

 

Vor der „Entdeckung“ der Kapverdischen Inseln durch im portugiesischen Sold stehende Seefahrer in Jahre 1456 gab es auf ihnen keine dauerhafte menschliche Besiedlung.
Wegen ihrer geostrategisch günstigen Lage 500 km von Afrika und auf halbem Weg zwischen Europa und Südamerika waren die Inseln lange Zeit „Umschlagplatz“ im Sklavenhandel, später Kohlebunkerstation für die internationale Dampfschifffahrt, Relaisstation von Transatlantikkabeln des British Empire, Drehkreuz internationaler Schifffahrts- und Fluglinien… und trauriger Schauplatz von Dürre, Hungersnöten und Auswanderung.
Heute leben rund 500.000 Einwohner auf den 4033 km² (vgl. Südtirol ca. 7400) und die Zahl der sich als Kapverdianer verstehenden Menschen im Ausland wird auf 750.000 geschätzt. Fast die Hälfte lebt in den Usa, viele in Europa (v.a. in Portugal, Frankreich, Holland, Luxemburg), aber auch in Afrika und Südamerika.
Wer mehr Infos zu Kap Verde sucht, dem sei der umfangreiche Reiseführer des Tropenarztes Pitt Reitmeier und seiner Frau Lucete Fortes empfohlen. Reitmeier lebt seit den 1980er Jahre in Kap Verde.

Mit der Entwicklungszusammenarbeit in Kap Verde

Nachdem ich mehrere Jahre in Entwicklungsprojekten in Ecuador gearbeitet hatte, bekam ich 1998 ein Angebot in Kap Verde in einem Projekt zur Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte mitzuarbeiten. Konkret handelte es sich um die Verarbeitung von Kaffee und um die Produktion von Wein auf der Insel Fogo.
Der „Café do Fogo“ auch wenn 1932 in Lissabon als „Melhor Café do Imperio“ ausgezeichnet, ist vielleicht seit 2-3 Jahren dabei, aus dem Dornröschenschlaf zu erwachen. Der „Vinho do Fogo“ hingegen wurde zur Erfolgsgeschichte. !998 konnten mit den von 7 Bauern gelieferten Trauben knapp 4000 Flaschen produziert werden. Die Mitgliederzahl der bald darauf entstandenen Genossenschaft und die Weinbaufläche vergrößerten sich stetig, sodass im Jahr 2014 mit über 100 Mitgliedern Wein für rund 200.000 Flaschen eingekellert wurde.
Von den „glücklichen Umständen“, die dazu beigetragen haben möchte ich folgende anführen:

  • im Unterschied zum Kaffeeanbau befindet sich das Land ab einer Meereshöhe von 1600 m zwar formell im Staatsbesitz, aber die Bauern verfügen darüber und zahlen auch keinerlei Pachtzins. Im Falle des Kaffees handelt es sich fast immer um Pächter, die 50% des Ertrages den Verwaltern der meist im Ausland lebenden Besitzer abtreten müssen. (überkommene, zT mittelalterliche Besitzstrukturen auf dem Lande als Grund für Abwanderung sollte m.E. durchaus mehr in Betracht gezogen werden).
  • Weinanbau wurde von den Portugiesen bereits um 1600 begonnen und war nichts Neues für die Bauern. Verbesserungen brauchte es v.a. in der Weinbereitung und in der Vermarktung.
  • Der Tourismus als Absatzmarkt war in diesen Jahren bereits beim Erblühen und hat sich in den Jahren danach dank „Nordafrikakrise“ zügig entwickelt.
  • Die zunächst von Italien und später von der EU (und auch von Südtirol) finanzierte Entwicklungszusammenarbeit hatte ein „gückliches Händchen“ sei es was die Weinbereitung angeht (Achtung auf Hygiene, möglichst fehlerlose, einfache kräftige Weine mit eindeutigem Bezug zum Terroir), was die soziale Komponente anbelangt (Gründung einer Genossenschaft, die alle interessierten Produzenten aufgenommen hat) und auch was die Vermarktung betrifft (Konzentration auf den lokalen Markt mit starker Bewerbung auf den touristischen Inseln).

Die Frage, ob dieses Projekt ländlicher Entwicklung zur Verminderung der Abwanderung beigetragen hat, kann man –von Ausnahmen abgesehen- wohl mit ja beantworten. Arlindo Rodrigues Fortes, heute Dozent an der landwirtschaftlichen Fakultät der Universität von Kap Verde, hat in seiner Masterarbeit aus dem Jahre 2011 die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Zunahme des Weinanbaus und der –produktion untersucht und kommt zu folgenden Schlussfolgerungen:

  • die Zunahme der Weinproduktion und der Weinbaufläche hat die Einkommen der Familie wesentlich erhöht;
  • die Familien haben diese Einnahmen über die landwirtschaftlichen Neuinvestitionen hinaus zur Verbesserung der Wohnqualität (v.a. sanitäre Einrichtungen, Wasserzisternen,), der Ernährung und der Ausbildung der Kinder verwendet.
  • Die Existenz zweier Weinbaugenossenschaften hat zu einer Stärkung des sozialen Gefüges und der Identifikation der Menschen mit ihrem Dorf geführt.
  • Das „Weindorf“ Chá das Caldeiras wurde zu einem Beispiel für ländliche Entwicklung und die Abwanderung von Jugendlichen aus dem Weinbaugebiet hat stark abgenommen (dazu allerdings keine Daten).

Aus der –zeitlich wie räumlichen- Entfernung möchte ich dazu einige Bemerkungen anhängen:

  • die Zunahme des Weinbaus und auch die Arbeit in der Kellerei hat zu einer beträchtlichen Zunahme des Bedarfs an Arbeitskräften geführt (es sind auch einige junge Männer zT mit Familie aus Guinea Bissau als landwirtschaftliche Arbeitskräfte zugewandert).
  • Die Anzahl von Autos hat rapide zugenommen. 1998 gab es im 1500 – Seelendorf einen Pickup, 2014 habe ich an die 30 Autos zusammengezählt. Meist von Weinbauern oder Jungendlichen mit Hilfe ihrer Familie angeschafft, auch um damit durch Personen- und Warentransport etwas zu verdienen.
  • Das Gebiet ist auch durch die Ausweisung eines Naturparks zunehmend für den Tourismus interessant geworden (Vulkanbesteigung, aber auch Weinkost…) und hat für Einkommen und Arbeit gesorgt.
  • Das für den Weinbau geeignete Land ist sehr knapp geworden und die Preise für das Abtreten von Nutzungsrechten sind im Verhältnis zu dem damit erzielbaren Einkommen fast ähnlich hoch wie die von Rebflächen in Südtirol.
  • Das hat dazu geführt, dass „landlose“ Jugendliche auch nachts vom Naturpark unter Schutz gestellte Flächen bepflanzt haben, um so zu beweisen, dass da „schon vorher“ Weinbau war.
  • Die Möglichkeiten des Kontakts mit der Außenwelt, v.a. mit den ausgewanderten Familienmitgliedern ist durch den Wohlstand stark gestiegen. Zuerst haben die Fixtelefone zugenommen; mittlerweile hat fast jede(r) ein Mobiltelefon. Und auch die Reisen ins Ausland, v.a. zu den Verwandten in den USA haben zugenommen bzw. auch die Möglichkeiten dorthin auszuwandern.

Dazu möchte ich zwei kurze„Geschichten“ aus meinem Bekanntenkreis erzählen.

Armando M. ein junger Mann aus dem Weindorf hat sich bereits im beim zweiten Einkellern 1999 für die Arbeit interessiert und es war möglich, ihn in der Weinbereitung zu unterweisen. Zusammen mit dem Önologen Martin Aurich, der das Projekt von Anfang an begleitet hat, haben wir Armando 2001 für eine „Kellersaison“ nach Südtirol eingeladen; sei es um die technische Autonomie der Genossenschaft aufzubauen und wohl aber auch um die „Allmacht“ des dortigen Obmanns einwenig zu verteilen. Er hat dann auch bis 2005 mehr und mehr die Rolle eines Kellermeisters übernommen und wurde dafür auch entsprechend entlohnt. Dann ist er –für mich eher plötzlich- (mittlerweile mit Frau und Kind) gemeinsam mit seinen 3 Brüdern und der Mutter nach Brokton (de facto eine Satellitenstadt von Boston) ausgewandert. Auch einer der Brüder hatte eine gut bezahlte Arbeit in der Kellerei. Der Vater, ebenfalls aus Chá das Caldeiras war schon länger US Staatsbürger und erfüllte die Bedingungen, um den Rest der Familie nachholen zu können.
In Boston und Umgebung leben angeblich mehr Kapverdianer als in der Hauptstadt des Inselstaates. Sie leben meist unter sich, sprechen weiterhin kreolisch und v.a. von der Heimat. Wenn dort zB jemand stirbt, weiss man es in Sekundenschnelle über Mobiltelefon und Internetradio. 2009 bin ich dorthin gefahren, einerseits um die Möglichkeit zu erkunden, den Wein aus Fogo an die kapverdianische Diaspora zu liefern und andrerseits auch um diese kennen zu lernen bzw. ausgewanderte Freunde und Bekannte zu besuchen. Armandos Großfamilie wohnte in einem zweistöckigen Haus einer keinesfalls dicht besiedelten Gegend. Von den 8 erwachsenen Familienmitgliedern hatten in jenen Krisenjahren bloß der Vater, die Mutter und er eine Arbeit. V.a. die anderen Brüder saßen die meiste Zeit zuhause vor dem Fernseher. Auf diese Situation angesprochen räumte Armando ein , dass er im Vergleich zur momentanen Situation in Chá das Caldeiras besser dran gewesen war, aber, gab er mit Nachdruck zu bedenken, sah er in den USA für sich und seine Familie mehr Möglichkeiten, vom den Bildungs- und Arbeitschancen für die Kinder bis zum leicht erschwinglichen Gebrauchtwagen. Nach den Jahren der Krise fanden alle seine Brüder wieder Arbeit und ich musste ihm Recht geben, noch bevor der Vulkanausbruch im November 2014 das Haus seiner Familie in Chá das Caldeiras verschüttete.*

Die Geschichte von Jorge M. kann ich kürzer erzählen. Er ist Sohn der drittgrößten Lieferantin der Kellereigenossenschaft. Ich lernte ihn als Lehrer an der Volksschule von Chá das Caldeiras kennen. 2001 ist er in die USA ausgewandert. Zunächst illegal, dann hat er durch eine Heirat die Staatsbürgerschaft erhalten. Mittlerweile hat er zwei Töchter. Seine Frau ist Tochter von Kapverdianern aus Fogo, aber in den USA aufgewachsen und dort berufstätig.
Jorge hat immer viel gearbeitet. Schichtarbeit in einer Fabrik für Kosmetika, auch am Wochenende. Es geht der Familie gut. Jorge konnte auch seinem Traum von einem schnellen Sportautoverwirklichen. Aber es hat ihn immer wieder noch Fogo gezogen, oft war er bei der Weinlese da, im Ort der Schwiegereltern hat er Grund gekauft. 2014 hat er die Rückkehr versucht. Es ist nicht so gelaufen, wie er sich’s vorgestellt hat: nicht mit seiner Landwirtschaft, nicht mit seinem Vater und seinen Halbbrüdern und v.a. wollten seine schulpflichtige Tochter und seine Frau zurück. Sie konnte sich mit der Rolle einer abhängigen Hausfrau nicht „anfreunden“ und hatte ihre Stelle in Brokton zum Glück nicht aufgegeben. Mittlerweile ist die Kleinfamilie in ein besseres, weil angeblich sicheres, Stadtviertel gezogen und auch Jorges Mutter ist dabei, die US-Staatbürgerschaft zu erwerben; schließlich leben auch ihre zwei Töchter dort. Heuer haben Luis und seine Frau Ndei, ihre Arbeiter aus Guinea Bissau nicht nur das ganze Jahr über die Weinberge bearbeitet, sondern auch die Ernte organisiert und durchgeführt.

Zum Schluss, irgendwie im Kontrast zu diesen beiden, doch auch persönlich geprägten Geschichten möchte ich noch zwei Überlegungen zu Abwanderung und Emigration anführen:

2012-13 hatte ich Gelegenheit ein Eu–Projekt zur Förderung des Bananenanbaus in Kap Verde zu evaluieren. Dabei stellte ich fest, dass die Besitzverhältnisse von Grund und Boden in den allermeisten Fällen gänzlich anders waren als bei den Weinbauern in Fogo, mit denen ich bislang gearbeitet hatte. Diese arbeiteten für sich und ihre Familie, auch wenn der Staat offiziell Eigentümer ihres Landes ist. Der Großteil der anderen Bauern des Inselstaates -und gerade in den fruchtbaren bewässerbaren Landstrichen wo Gemüse, Obst (v.a.Bananen), Zuckerrohr oder Kaffee angebaut wird- sind Pächter, die dem Besitzer die halbe Ernte oder den entsprechenden Gegenwert abtreten müssen. Im „Vale do Paul“, dem einzigen Tal in Kap Verde, wo das ganze Jahr über ein nennenswertes Rinnsal fließt und zur Bewässerung genutzt werden kann, wird v.a. Zuckerrohr zur Rumproduktion (Grogue genannt) angebaut. Wird dieses geerntet geht der Besitzer oder sein Verwalter gemeinsam mit dem Pächter zum „Trapiche“, zur Zuckerrohrpresse. Dort wird der Saft anschließend vergoren und destilliert. Der Pächter bekommt seinen Teil nach Abzug der Kosten in Schnaps ausbezahlt und in Ermangelung anderer Möglichkeiten verkauft er diesen meist dem Inhaber der Brennerei…
Als ich das erste Mal im Vale do Paul war und die relativ üppige Natur dort sah, meinte ich zu einem dort seit längerem ansässigen Bekannten, dass es hier den Menschen doch gut gehen müsse. „Nur die Blöden bleiben“ war seine Antwort, „jeder der etwas im Kopf und Eigeninitiative hat, schaut wegzukommen“.

Die zweite Überlegung hat mit der Agrar- und Handelspolitik der reichen Länder und mit den Folgen für die Landwirtschaft und die Landbevölkerung in den Ländern des Südens zu tun. Eines der wichtigen Ziele der EU war die Selbstversorgung mit den wichtigsten Grundnahrungsmitteln. Die Lebensmittel sollten zudem billig sein, damit die Menschen auch möglichst viele Industrieprodukte und Dienstleistungen anschaffen konnten und können. Die Förderungen und Stützungen haben die Produktion weit über die Selbstversorgung hinaus wachsen lassen. Mittlerweile exportieren wir auch sehr viele Lebensmittel.
In den 80er und 90er Jahren als ich in Ecuador war, ist mir dies nicht sonderlich aufgefallen, wohl weil damals unsere landwirtschaftliche Überproduktion noch gering war und Ecuador selbst über gute Voraussetzungen für die landwirtschaftliche Produktion verfügt. In Kap Verde fiel sofort auf, dass die einheimischen Produkte auf dem Markt meist mehr kosteten als die importierten, einerlei ob Kartoffeln aus Spanien oder Holland, Zwiebeln oder Knoblauch, alles was sich mit wenigen Problemen transportieren lässt. Eklatant wird es aber bei den nahezu unverderblichen Lebensmitteln: Reis, Weißes Mehl, Öl, bzw. Fett, Zucker, tiefgefrorene Geflügelteile, H-Milch oder Milchpulver. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass in Ländern des Südens die Rinder- und Ziegenhaltung stark zurückgegangen ist, seit dort vermehrt billige EU-Pulvermilch auf dem Markt ist. Die Ziegen- und Rinderhalter, v.a. die Jugendlichen, die es einmal werden sollten, sind wohl in die Städte abgewandert. Und von dort brechen wieder andere auf in die weite Welt.
In Südtirol wird keine Pulvermilch produziert. Es werden nur hochwertige, eher hochpreisige landwirtschaftliche Produkte exportiert. Und die verdrängen niemanden, oder?

Neumarkt, 10. September 2017
Franz Egger

 

Zur Person:

Diplom einer landwirtschaftlichen Oberschule und Spezialisierung in tropischer und subtropischer Landwirtschaft; Studium der Soziologie;
1982-84 in der Entwicklungszusammenarbeit in Ecuador, mit Kakaobauern im Küstentiefland; 1992-94 mit einer Vereinigung Indigener Völker im ecuatorianischen Amazonasgebiet in einem Projekt zur nachhaltigen Bewirtschaftung ihres Landes; von 1998 bis 2014 in Kap Verde: regelmäßig zum Einkellern und zwischendurch auch für längere Abschnitte, vier Mal mit einer Schülergruppe der Fachoberschule für Landwirtschaft.
Seit 1985 Lehrer an dieser Schule; seit 1994 Bioobstbauer im Nebenerwerb; seit 2015 gemeinsam mit Tochter Magdalena Produzent von Apfelcider.

 

*Durch die Eruption des Pico do Fogo vom 23 November 2014 bis anfangs Januar 2015 wurde nahezu das gesamte Dorf Chá das Caldeiras verschüttet. Die meisten landwirtschaftlichen Gründe, v.a. die Weinreben an den Hängen blieben verschont. Die ausgesiedelten Menschen sind zunächst zur Bearbeitung ihrer Felder zurückgekehrt und haben nach und nach wieder Häuser gebaut. Nach Informationen des Journalisten Jaime Rodrigues ist mittlerweile zwei Drittel der Bevölkerung zurückgekehrt, v.a. die jungen Familien. Heuer wird ein neuer Kindergarten eröffnet und nächstes Jahr soll die Volksschule folgen. In der provisorischen Kellerei (auf dem Betrieb des Obmanns) wurden heuer gleichviel Trauben eingekellert wie im Rekordjahr 2014. Die Auswanderung hat nicht zugenommen (auch wegen der strikteren Einreisebedingungen allerorts); Rodrigues erwähnt im Gegenteil einige Rückkehrer.

 

 

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